Psychopharmaka

Definition
Pharmakologisch gesehen versteht man hierunter Substanzen, welche eine Wirkung auf das zentrale Nervensystem (Gehirn) ausüben und dadurch den Aktivitätszustand des Gehirns beeinflussen.

Psychiatrisch gesehen versteht man hierunter Medikamente, welche menschliches Erleben und Verhalten beeinflussen.

Die (im Bereich der Altenpflege) wichtigsten (psychiatrischen) Substanzgruppen sind:

Beginn der modernen Psychopharmaka-Ära
- Entdeckung von Chlorpromazin (Antipsychotikum) 1952
- Entdeckung von Imipramin (Antidepressivum) 1957
- Entdeckung von Haloperidol (Antipsychotikum) 1958
- Entdeckung von Chlordiazepoxid (Beruhigungsmittel) 1960


Wirkungsweise von Psychopharmaka
Psychopharmaka beeinflussen sog. Neurotransmittersysteme im zentralen Nervensystem (ZNS). Sie greifen in komplexe neurobiologische Regulationsmechanismen ein, wobei der eigentliche Wirkmechanismus bis heute nicht (völlig) klar ist.

Neurotransmitter sind chemische Überträgerstoffe (z.B. Acetylcholin, Noradrenalin, Serotonin, GABA, Histamin, Dopamin oder Opioide etc.), die an den Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Nervenzellen (Synapsen) für die Übertragung von Signalen (Informationen) zuständig sind. Sie docken an Rezeptoren an und lösen dadurch je nach Rezeptortyp unterschiedliche Folgereaktionen aus.


Wichtige Regeln für den Umgang mit Psychopharmaka
  • Die Behandlung mit Psychopharmaka gehört in die Hand von Fachärzten (für Psychiatrie bzw. Nervenheilkunde), denn die Frage, wer, wann, wie viel, wie lange und was für ein Psychopharmakon einnehmen soll, bedarf einer kompetenten fachärztlichen Entscheidung.
  • Vor einer Therapie muss eine sorgfältige Diagnostik erfolgen, welche eine gezielte Indikationsstellung erlaubt.
  • Vorbehandlungen / Suchtanamnese müssen vor Beginn der Therapie abgeklärt werden.
  • Aufklärung des Patienten über Wirkung und mögliche Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Dabei muss die Einwilligungsfähigkeit des Patienten beachtet (ggf. eine Betreuung gemäß § 19896 BGB angeregt) werden.
  • Vor einer Therapie muss eine sorgfältige Diagnostik erfolgen, welche eine gezielte Indikationsstellung erlaubt.
  • Vorbehandlungen / Suchtanamnese müssen vor Beginn der Therapie abgeklärt werden.
  • Vor und während der Behandlung sind regelmäßige Kontrollen von Puls, Blutdruck, Blutbild, Nierenwerten (Harnstoff, Kreatinin) und Leberwerten (GOT, GPT, Gamma- GT) sowie EKG- und EEG-Ableitungen nötig.
  • Einschleichende und individuelle Dosierung (Dosisanpassung bei älteren Menschen).
  • Verbindliche Dosierungsrichtlinien für Psychopharmaka gibt es nicht. Niemand kann sicher voraussagen, welches Medikament (in welcher Dosierung) einem Patienten am besten helfen wird. Ein spezifisch wirksames Medikament gegen eine bestimmte psychische Störung gibt es nicht. Die therapeutische Breite ist zum Teil groß (z.B. bei Haloperidol sind Dosierungen zwischen 1 und 30 mg pro Tag möglich).
  • Psychopharmaka beseitigen nicht die Krankheit, sondern wirken auf Symptome wie Angst, innere Unruhe, depressive Verstimmung, Halluzinationen, Wahnideen etc. und können helfen, quälende und lebensbehindernde Beschwerden zu lindern oder zu beseitigen.
  • Es ist eine Monotherapie (Behandlung mit nur einem Psychopharmakon) anzustreben und wenn dies nicht möglich ist, dann die Beschränkung auf möglichst wenige Mittel.
  • Vor der Behandlung soll ein Gesamtbehandlungsplan erstellt werden.
Neuroleptika (Antipsychotika)
wirken antipsychotisch (gegen Wahn und Halluzinationen) und dämpfend bzw. affektiv entspannend bei Unruhe- und Erregungszuständen.


Einteilung
Die Einteilung der Neuroleptika ist nach verschiedenen Kriterien möglich. Ihrer sog. "neuroleptischen Potenz" nach werden sie eingeteilt in:
  • Hochpotente Neuroleptika (z.B. Haloperidol, Benperidol, Risperidon)
  • Mittelpotente Neuroleptika (z.B. Perazin, Sulpirid)
  • Schwachpotente Neuroleptika (z.B. Promazin, Pipamperon)
Hochpotente Neuroleptika werden in erster Linie bei Wahn und Halluzination gegeben, schwachpotente bei Unruhe- und Erregungszuständen.


Kontraindikationen / Vorsicht ist geboten bei
  • Akute Intoxikationen (Vergiftungen) mit zentral dämpfenden Pharmaka (z.B. Schlaf- oder Schmerzmittel) und Alkohol.
  • Leukopenie (Verminderung der Zahl der weißen Blutkörperchen im peripheren Blut unter 4000 / µl)
  • Erkrankungen des blutbildenden Systems
  • organische Hirnschädigung
  • Herzrhythmusstörungen
  • Blutdruckregulationsstörungen (Hypotonie)
  • Glaukom ( "grüner Star" )
  • Prostatavergrößerung
  • Harnverhalten
  • Pylorusstenose (Einengung des Magenausgangs)
  • M. Parkinson
Mögliche Nebenwirkungen
  • Akathisie / Tasikinese ( ständiger Bewegungsdrang, Unfähigkeit ruhig stehen oder sitzen zu bleiben)
  • Parkinson-Syndrom (Einschränkung der motorischen Beweglichkeit, kleinschrittiger Gang, Muskeltonuserhöhung, Zittern, Speichelfluss)
  • Frühdyskinesien (Verkrampfungen der mimischen Muskulatur, der Zungen- und Schlundmuskulatur, Blickkrämpfe, Bewegungsstörungen der Muskulatur des Halses und der Arme)
  • Spätdyskinesien (unwillkürliche Zuckungen v.a. im Bereich der Mund- und Gesichtsmuskulatur, bizarre Körperbewegungs-störungen, Verkrampfungen der Atemmuskulatur)
  • Blutdruckregulationsstörungen (Blutdruckabfall)
  • Herzrhythmusstörungen
  • Blutbildveränderungen (Leukopenie, Agranulozytose)
  • Thrombose
  • Hormonelle Störungen (Prolaktinanstieg, Blutzuckeranstieg, Libidostörungen)
  • Gewichtszunahme
  • Mundtrockenheit
  • Störungen der Temperaturregulation
  • Harnblasenentleerungsstörungen (bis zur Harnsperre)
  • Darmentleerungsstörungen (bis zum Darmverschluss)
  • Störungen der Leberfunktion (Leberzellschädigung, Gallenstauung, Ikterus)
  • Erhöhung des Augeninnendruckes (Glaukom)
  • Akkomodationsstörungen (Anpassungsstörungen des Auges für das scharfe Sehen von Objekten in wechselnden Entfernungen, Verschwommensehen)
  • Linsen- und Hornhauttrübungen
  • Pigmenteinlagerungen an der Haut und Netzhaut
  • Hautallergien
  • Fotosensibilisierung
  • Müdigkeit, Benommenheit
  • Störung der Konzentration
  • pharmakogene Depression
  • Delir
  • Krampfanfälle
  • malignes neuroleptisches Syndrom mit hohem Fieber, Tachykardie (beschleunigte Herzfrequenz), Erhöhung des Muskeltonus, Stupor (Erstarrung) bis hin zum Koma.
Atypische Neuroleptika
Neuroleptika der zweiten Generation, welche im Vergleich zu den klassischen Neuroleptika bei etwa gleicher antipsychotischer Wirksamkeit besser verträglich sind (ein geringeres Risiko für sog. extrapyramidale Störungen wie z.B. Parkinsonoid aufweisen und eine geringere Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen haben). Beispiele: Olanzapin, Risperidon und Sertindol etc.


Tranquilizer / Anxiolytika (Beruhigungsmittel)
werden v.a. zur Behandlung von Angst- und Spannungszuständen, Panikstörungen, Agitiertheit und innerer Unruhe verwendet. Sie wirken beruhigend, affektiv entspannend und schlaffördernd. Sie wirken angstlösend (anxiolytisch), beruhigend, affektiv entspannend, muskelrelaxierend und antikonvulsiv (hemmende Wirkung gegenüber epileptischen Krämpfen).


Einteilung
Die Einteilung der Tranquilizer ist nach verschiedenen Kriterien möglich.
Die wichtigste Gruppe nach der chemischen Struktur bilden die Benzodiazepine.

Einteilung der Benzodiazepine nach Halbwertszeiten:
  • kurzwirkende Benzodiazepine: z.B. Midazolam, Trazolam
  • mittellangwirkende Benzodiazepine: z.B. Alprazolam, Bromazepam
  • langwirkende Benzodiazepine: z.B. Diazepam
Kontraindikationen / Vorsicht ist geboten bei
  • Akute Intoxikationen (Vergiftungen) mit zentral dämpfenden Pharmaka (z.B. Schlaf- oder Schmerzmittel) und Alkohol
  • organische Hirnschädigung (paradoxe Wirkung: Unruhe, Erregung, Schlafstörungen)
  • ältere Patienten (paradoxe Wirkung: Unruhe, Erregung, Schlafstörungen)
  • Atemstörungen (obstruktive Atemwegserkrankungen)
  • Blutdruckregulationsstörungen (Hypotonie)
  • Leberfunktionsstörungen
  • Nierenfunktionsstörungen
  • Geh- / Koordinationsstörungen
  • Myasthenie gravis
  • Sucht
Mögliche Nebenwirkungen
  • Artikulationsstörungen
  • Appetitsteigerung
  • Atemdepression
  • Blutdruckregulationsstörungen (Blutdruckabfall)
  • Müdigkeit, Benommenheit
  • Störung der Konzentration
  • Gedächtnisstörungen
  • Schwindel
  • Schwindel
  • Muskelschwäche
  • Dysphorie (bedrückte, gereizte, leicht reizbare und freudlose Stimmung)
  • depressive Verstimmung
  • paradoxe Reaktionen (Unruhe, Erregung, Schlafstörungen)
  • unter hohen Dosen oder nach abruptem Absetzen können Delirien, Krampfanfälle und psychotische Symptome auftreten
  • Sucht
Hypnotika (Schlafmittel)
werden v.a. zur Behandlung von Schlafstörungen verwendet. Im Gegensatz zu Barbiturat-Präparaten führen moderne Benzodiazepin-Hypnotika nicht zur Narkose. Sie wirken dosisabhängig angstlösend (anxiolytisch), sedativ-hypnotisch (beruhigend-schlaffördernd), muskelrelaxierend und antikonvulsiv (hemmende Wirkung gegenüber - v.a. epileptischen - Krämpfen). Eine strenge Abgrenzung von den Benzodiazepin-Anxiolytika (siehe im Text oben) ist nicht möglich.


Einteilung
(Die Einteilung der Hypnotika ist nach verschiedenen Kriterien möglich.
Die wichtigste Gruppe nach der chemischen Struktur bilden die Benzodiazepin-Hypnotika.
Beispiele: Flunitrazepam, Flurazepam, Temazepam, Triazolam etc.


Kontraindikationen / Vorsicht ist geboten bei ( bezieht sich auf Benzodiazepin-Hypnotika )
  • Akute Intoxikationen (Vergiftungen) mit zentral dämpfenden Pharmaka (z.B. Schlaf- oder Schmerzmittel) und Alkohol
  • organische Hirnschädigung (paradoxe Wirkung: Unruhe, Erregung, Schlafstörungen)
  • ältere Patienten (paradoxe Wirkung: Unruhe, Erregung, Schlafstörungen)
  • Atemstörungen (obstruktive Atemwegserkrankungen)
  • Blutdruckregulationsstörungen (Hypotonie)
  • Leberfunktionsstörungen
  • Nierenfunktionsstörungen
  • Geh- / Koordinationsstörungen
  • Myasthenie gravis
  • Sucht
Mögliche Nebenwirkungen ( bezieht sich auf Benzodiazepin-Hypnotika )
  • Artikulationsstörungen
  • Artikulationsstörungen
  • Atemdepression
  • Blutdruckregulationsstörungen (Blutdruckabfall)
  • Müdigkeit, Benommenheit
  • Störung der Konzentration
  • Gedächtnisstörungen
  • Schwindel
  • Gangstörungen
  • Muskelschwäche
  • Dysphorie (bedrückte, gereizte, leicht reizbare und freudlose Stimmung)
  • depressive Verstimmung
  • paradoxe Reaktionen (Unruhe, Erregung, Schlafstörungen)
  • unter hohen Dosen oder nach abruptem Absetzen können Delirien, Krampfanfälle und psychotische Symptome auftreten
  • Sucht
Antidepressiva (Mittel gegen Depression)
wirken stimmungsaufhellend und antriebsnormalisierend.


Einteilung
Die Einteilung der Antidepressiva ist nach verschiedenen Kriterien möglich. Einige Beispiele:
  • Trizyklische Antidepressiva (die "Klassiker" unter den Antidepressiva) - z.B. Doxepin
  • Tetrazyklische Antidepressiva - z.B. Mianserin
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) - z.B. Paroxetin
  • Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer - z.B. Reboxetin
  • Monoaminooxydasehemmer (MAO-Hemmer) - z.B. Moclobemid
In den letzten Jahren gewannen Antidepressiva vom SSRI-Typ zunehmend an Bedeutung, vor allem aufgrund der im Gegensatz zu trizyklischen Antidepressiva deutlich niedrigeren kardiovaskulären (Herz-Kreislauf betreffend) und anticholinergen Nebenwirkungen (wie z.B. Mundtrockenheit, Sehstörungen, Harnblasen-/Darmentleerungsstörungen, psychomotorische Unruhe, Verwirrtheit, Delir etc.).


Kontraindikationen / Vorsicht ist geboten bei
  • Akute Intoxikationen (Vergiftungen) mit zentral dämpfenden Pharmaka (z.B. Schlaf- oder Schmerzmittel) und Alkohol
  • organische Hirnschädigung
  • ältere Patienten
  • Herzrhythmusstörungen
  • Blutdruckregulationsstörungen (Hypotonie)
  • Glaukom ("grüner Star")
  • Prostatavergrößerung
  • Harnverhalten
  • Pylorusstenose (Einengung des Magenausgangs)
  • epileptische Krampfneigung
Mögliche Nebenwirkungen
  • Artikulationsstörungen
  • Atemstörungen
  • Blutbildveränderungen (v.a. Leukopenie)
  • Blutdruckregulationsstörungen (Blutdruckabfall)
  • Erregungsleitungsstörung am Herzen
  • Tachykardie (erhöhte Herzfrequenz)
  • Müdigkeit, Benommenheit
  • Störung der Konzentration
  • Gedächtnisstörungen
  • Schwindel
  • Mundtrockenheit
  • Erhöhung des Augeninnendruckes (Glaukom)
  • Akkomodationsstörungen (Anpassungsstörungen des Auges für das scharfe Sehen von Objekten in wechselnden Entfernungen, Verschwommensehen)
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Leberfunktionsstörungen
  • Darmentleerungsstörungen (bis zum Darmverschluss)
  • Harnblasenentleerungsstörungen (bis zur Harnsperre)
  • Gewichtszunahme
  • Ödeme
  • Exantheme (Hautausschläge)
  • Tremor (Zittern)
  • epileptische Krampfanfälle
  • psychotische (paranoid-halluzinatorische) Symptome
  • Unruhe
  • Verwirrtheitszustände / Delir
Antidementiva / Nootropika (Mittel gegen Demenz)
Antidementiva werden zur Behandlung kognitiver Störungen (Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Konzentrations- und Denkfähigkeit) eingesetzt.

An die Behandlungsmöglichkeiten darf man allerdings nicht allzu hohe Erwartungen stellen, da der Untergang der Nervenzellen bisher nicht aufzuhalten ist. Als Erfolg ist bereits zu werten, wenn das kognitive Leistungsvermögen und die Alltagskompetenzen in geringem Maße verbessert und einige Zeit auf gleicher Höhe gehalten werden können.

Es ist wichtig, bereits in frühen Stadien der Erkrankung mit der Therapie zu beginnen.

Die wichtigsten Substanzen mit nachgewiesener Wirksamkeit gehören allesamt der Gruppe der Acetylcholinesterasehemmer an. Diese sind:
  • Donepezil
  • Galantamin
  • Rivastigmin
Einschätzungen zufolge werden zur Zeit nur ca. fünf Prozent der Demenzkranken in Deutschland effektiv mit Antidementiva behandelt.